«Land Grabbing gab es bereits im Kolonialismus»

30.03.2017

Als Professor an der Universität Bern befasst sich Stephan Rist seit einigen Jahren mit Land Grabbing. Einen Ausweg sieht er im Wiedererstarken gemeinschaftlicher Landnutzungsformen.

 

Wann und wo haben Sie Land Grabbing zum ersten Mal persönlich erfahren?

Das war vor 20 Jahren in Brasilien. Wir waren in der Region Matto Grosso auf Forschungsreise und fuhren stundenlang durch eine grüne Wüste von Sojafeldern. Die Gespräche mit Familienbetrieben und Landlosen machten klar, dass hier eine unglaubliche Konzentration von Land in den Händen von einigen wenigen stattgefunden hatte. Man sprach damals noch nicht von Land Grabbing, aber wir sahen, wie Land und Leute durch diesen Ausverkauf unter enormen Druck gerieten.

 

Und wann haben Sie erkannt, dass Landnahme System hat?

Wenn man sich als Forscher mit dem Thema befasst, wird die Systematik schnell klar. Es ist ja auch nichts Neues. Wir kennen Land Grabbing als Ausdehnung einer kapitalistischen agroindustriellen Landwirtschaft vom Kolonialismus. Doch während sich die Industriestaaten Territorien damals mit Gewalt aneigneten, bieten die Regierungen im Süden heute Hand dafür, weil sie sich Einnahmen und «Entwicklung» erhoffen. Zudem kann Kapital heute viel einfacher über den Globus verschoben und dort investiert werden, wo es am meisten Gewinn verspricht.

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Stephan Rist ist Professor am Interdisziplinären Zentrum für Entwicklung und Umwelt (CDE) und am Geographischen Institut der Universität Bern. Sein Forschungsschwerpunkt ist die nachhaltige Gouvernanz von Land und natürlichen Ressourcen. Vor seiner Arbeit an der Uni Bern hat Rist neun Jahre lang in Bolivien gelebt.

Die Investoren haben aus dem Boden eine Kapitalanlage gemacht. Mit welchen Folgen?

Am Fall Addax lassen sich die Folgen gut illustrieren. Die Region um Makeni war früher eine Kulturlandschaft mit Wäldern, Weiden, Sümpfen, Feldern und Büschen, in der eine kleinräumige, hoch diversifizierte Landwirtschaft betrieben wurde. Die Menschen bestritten ihren Lebensunterhalt mit Feld- und Gemüseanbau, mit dem Sammeln von Nahrungsmitteln, Medizinpflanzen und Holz sowie Viehzucht. Addax hat diese Landschaft komplett eingeebnet und homogensiert. Der Boden wurde zur Ware und der Landverlust führte dazu, dass die Menschen einen immer grösseren Teil ihrer Arbeitskraft, ebenfalls als Ware – d.h. in Lohnarbeit – verkaufen mussten.

 

Was müsste getan werden, um Land Grabbing zu stoppen?

Ziel müsste es sein, Boden und Arbeit aus der Warenlogik auszuklammern und der lokalen Bevölkerung die Hoheit über das Land zurückzugeben, damit sie es gemeinschaftlich nutzen kann. Land wäre weder Privat- noch Staatseigentum, sondern ein Gemeingut. Bereits heute gibt es Milliarden von Menschen, die Land, Saatgut, Wälder oder Wasser gemeinschaftlich nutzen und bewirtschaften. In der Schweiz kennen wir das etwa von der Waldnutzung, von Alpkorporationen oder von den Wasser-Suonen im Wallis. Interessant ist, dass damit eine tief in der Geschichte der Menschheit verwurzelte Wirtschaftsdemokratie vom Relikt plötzlich zur Richtschnur für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung wird.

 

Welche Verantwortung hat die Schweiz als zentrale Drehscheibe für Agrarrohstoffe?

Tatsächlich haben einige der grössten Agrarhändler weltweit ihren Hauptsitz in der Schweiz. Anstatt diese globalen Player zu hegen und pflegen, müsste die Schweiz sie in die Verantwortung nehmen. Die Konzerne müssten verpflichtet werden, die Folgen ihrer Tätigkeiten für Menschen und Umwelt vor ihren Investitionen aufzuzeigen, und müssten danach rechtlich für sie verantwortlich sein. Denn die wissenschaftliche Literatur zeigt klar, dass freiwillige Massnahmen zu kurz greifen. Eine Lösung, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative vorschlägt, ist aus Sicht der Wirksamkeit sicher der Königsweg.

Lesen Sie mehr in unserer neusten Publikation des «Perspektiven».

 

 

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