Klima-Verhandlungen: Den Preis der Langsamkeit zahlen die Ärmsten

20.11.2017

Die 23. Klimakonferenz ist am vergangenen Freitag zu Ende gegangen. Stefan Salzmann ist bei Fastenopfer verantwortlich fürs Dossier Klima und Energie. Seine Bilanz zeigt: Wirklich nachhaltige Lösungen sind nicht nur umweltschonend, sondern nehmen auch Rücksicht auf die lokalen Gemeinschaften. Doch zu den Wachstumsstrategien grosser Unternehmen passen sie nicht.

 

Nach zwei Wochen Verhandlungen ist eine weitere Weltklimakonferenz zu Ende gegangen – es war die 23.! Einmal mehr können auch dieses Jahr die Resultate unterschiedlich interpretiert werden.

 

Offiziell verabschiedete Dokumente, welche Resultate festhalten, durfte man im 2017 nicht erwarten – es wäre somit auch nicht ehrlich zu schreiben, man sei enttäuscht darüber, dass es sie nicht gibt. Immerhin: Trotz den Twitter-Botschaften, die aus dem Weissen Haus zwitschern, sind keine Zweifel bei den übrigen Staaten aufgekommen, man sei auf dem falschen Weg. Die Umsetzung des Pariser Abkommens schreitet im gewohnten Tempo voran, und das ist die wichtigste und gute Nachricht.

 

Das gewohnte Tempo ist aber auch gleichzeitig die schlechte Nachricht. Denn aus Sicht der Entwicklungsorganisationen, die die Stimmen vieler Betroffener aus armen Ländern vertreten, fehlt einmal mehr das Bewusstsein für die Dringlichkeit. Zurzeit tut die Welt bloss einen Drittel dessen, was notwendig wäre, um die in Paris verabschiedeten Ziele zu erreichen. Den Preis der Langsamkeit der Verhandlungen zahlen die Ärmsten.

 

„Was würdet ihr machen an meiner Stelle, wenn ihr wüsstet, dass euer Land untergehen wird?“

 

Während hier die VerhandlerInnen die Interessen ihrer eigenen Länder vertreten, leiden anderswo Menschen. Und sie haben es nicht in der Hand, diese Situation zu ändern. Der Präsident vom Inselstaat Tuvalu, ein Land welches im Durchschnitt zwei Meter über Meer liegt, fragt dazu rhetorisch: Was würdet ihr machen an meiner Stelle, wenn ihr hier an den Verhandlungen wärt und wüsstet, dass euer Land untergehen wird?

 

Und: Die Stimme der Betroffenen Menschen und die Geschichten ihrer Schicksale werden leiser. Nicht weil sie nicht mehr hier an der Klimakonferenz anwesend sind, sondern weil sie zunehmend von anderen Akteuren übertönt werden. Anwesende Vertreter von Unternehmen nehmen Jahr für Jahr zu. Sie sehen eine Chance in der Bekämpfung des Klimawandels. Und sie wollen diese Chance nutzen. Dabei geht es aber nicht um verbindliche Regeln, alles soll freiwillig bleiben. So besteht die Gefahr, dass die schönen Worte eher Imagepflege als echter Wille zur Veränderung bedeuten.

 

Ein weiteres Problem: Die klimafreundlichen Strategien sind auf Profit und Wachstum ausgerichtet. Man will zum Beispiel erneuerbare Energien bereitstellen – und davon möglichst viel. Ob dies effizient ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Dies führt zu neuen Problemen, welche wiederum diejenigen am stärksten betreffen, die den Wandel des Klimas nicht verursacht haben.

«Wir wollen unsere eigene Stimme sein. Wir sind nicht naiv und wissen, dass viele Politiker von Industrie-Lobbyisten beeinflusst sind. Wir müssen hier an der Klimakonferenz unsere Lebensrealitäten beschreiben. Als Bäuerinnen und Bauern sind wir nämlich der Ansicht, die besten Experten für Landwirtschaft zu sein.»

Fanny Metrat ist Mitglied von «La Via Campesina», einer internationalen Bewegung von Kleinbäuerinnen und Landarbeitern.«Wir wollen unsere eigene Stimme sein. Wir sind nicht naiv und wissen, dass viele Politiker von Industrie-Lobbyisten beeinflusst sind. Wir müssen hier an der Klimakonferenz unsere Lebensrealitäten beschreiben. Als Bäuerinnen und Bauern sind wir nämlich der Ansicht, die besten Experten für Landwirtschaft zu sein.» Fanny Metrat ist Mitglied von «La Via Campesina», einer internationalen Bewegung von Kleinbäuerinnen und Landarbeitern.
Immer mehr Stimmen berichten von Vertreibungen durch erneuerbare Energieproduktion: Staudämme, die Indigene in Brasilien vertreiben, Windfarmen in Mexiko, die lokale Gemeinschaften vertreiben, eine Solar-Farm in Indien, welche lokale Landwirtschaft verhindert. Den grünen Strom, den die Projekte produzieren, nutzen nicht die umliegenden Dörfer sondern Industriebetriebe in der Region.

 

Es sind Geschichten von kleinräumigen, lokal angepassten Formen der Energiegewinnung, die zeigen, was lokalen Gemeinschaften am meisten bringt. Auch solche Geschichten waren an der Klimakonferenz zu hören: vom Kleinwasserkraftwerk am Dorfrand oder von Solar-Zellen auf Hausdächern. Doch solchen Lösungen auch Finanzierung und politischen Rückhalt zu geben ist keine Selbstverständlichkeit. Und genau dies verhindern die anwesenden Unternehmer und deren Lobbyisten – denn kleine Projekte passen nicht zu Wachstumsstrategien grosser Unternehmen. Und die schwächeren Lobbyisten, nämlich die Vertreter armer Gemeinschaften und Entwicklungsorganisationen reisen mit der Erkenntnis ab, dass trotz positiver Entwicklungen an den Klimagipfeln, schwierige Zeiten auf sie zukommen werden.

Unterstützen Sie die Menschen, die ihr Leben selber in die Hand nehmen wollen.

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