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Covid-19 und die Projektarbeit von Fastenopfer

Indien: «Die Selbstversorgung kommt uns nun zugute»

21.05.2021
Tobias Buser ist bei Fastenopfer verantwortlich für die Programme in Indien und Madagaskar.

Indien fehlt es an Sauerstoff, Krankenhausbetten und medizinischer Versorgung. Tausende Menschen sterben täglich. Die indische Corona-Variante ist hochansteckend. Unser Programmverantwortlicher Tobias Buser hat mit Menschen vor Ort gesprochen. 

Wie kommt ihr mit der Situation zurecht, wie geht es euch?

Da sich Indien in einem Zustand des totalen Chaos und der Angst befindet und verschiedene lokale Lockdowns verhängt wurden, fällt es uns allen schwer, uns von der allgemeinen Aufregung und der offensichtlichen Krise nicht anstecken zu lassen. Im Vergleich zur ersten Welle, bei der wir und unsere Familien keine Covid-19-Todesfälle zu beklagen hatten, sind jetzt Menschen aus dem Umfeld von Projektmitarbeitenden an der mutierten Virusvariante gestorben. Glücklicherweise haben sich die Mitarbeitenden selbst und die Gemeinschaften der Adivasi und Dalit, mit denen sie arbeiten, bis jetzt nicht angesteckt. Sie haben den Mut nicht verloren und Zähigkeit bewiesen, indem sie die Projektarbeit per Handy weiterführen, wo der direkte Kontakt aufgrund von Lockdowns nicht möglich ist.

Wie kann die Projektarbeit unter diesen Umständen fortgesetzt werden?

Aufgrund strenger Reisebeschränkungen konnten sich die Organisationen des Landesprogramms Indien nicht mehr auf regionaler Ebene  in Netzwerken von 20-30 Dörfern treffen. Die Projektverantwortlichen waren deshalb gezwungen, die Vernetzung der Solidaritätsorganisationen auf 5-10 Dörfern zu beschränken. Das erlaubt ihnen, die Arbeit innerhalb der behördlichen Richtlinien fortzusetzen. Diese kleinen Netzwerke, die im letzten Jahr während der ersten Pandemiewelle aus der Not heraus ins Leben gerufen wurde, arbeiten gut, und wir erreichen unsere Zielgruppen nach wie vor. Einfach weniger Personen aufs Mal. Trotz der absoluten Unsicherheit und des fragilen Gesundheitssystems im Land haben die Partnerorganisationen mutig weitergemacht. Da der Empowerment-Prozess, welcher die Netzwerke fördert und stärkt, hauptsächlich von Animatorinnen und Animatoren getragen wird, die entweder selber aus den Dalit- oder Adivasigemeinschaften kommen oder diese sehr gut kennen, wurde die Projektarbeit bisher kaum beeinträchtigt. Bereits vor der Pandemie haben wir uns darauf konzentriert, starke Führungspersonen direkt aus den Zielgruppen heraus aufzubauen. Und nun sind sie es, die im Landesprogramm für eine reibungslose Kontinuität der Projektarbeit auf Dorfebene sorgen.

Im globalen Norden ist die Impfung gegen Covid-19 das alles bestimmende Thema. Ist das bei den indigenen Gruppen der Adivasi und Dalit auch so?

Die Ungewissheit über die Nebenwirkungen und die öffentlich gewordenen Fälle über Komplikationen nach der Impfung führen unter den Partnerorganisationen und der Zielbevölkerung zu Skepsis. Abgesehen davon herrscht hier zurzeit Impfstoffknappheit, und es sieht nicht danach aus, als würde sich die Situation in absehbarer Zeit verbessern.

Der Glaube der Adivasi und Dalit an die traditionelle Kräutermedizin und das Vertrauen in die traditionellen Heiler/innen führt aus ihrer Sicht zu einer Stärkung des Immunsystems und schützt sie so ausreichend vor dem Virus. Die Menschen in unseren Zielgruppen zeigen zum jetzigen Zeitpunkt wenig Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

Was fehlt und was braucht es am dringendsten?

Der Zugang zur medizinischen Grundversorgung hat für sie oberste Priorität. Da das Gesundheitssystem aktuell völlig zusammengebrochen ist, sterben viele Menschen an eigentlich einfach zu behandelnden Krankheiten, weil sie keinen Zugang zu einer Behandlung oder zu Medikamenten haben. Zudem wäre es für Arbeit, die Schule und die Familie dringend nötig, dass die Bewegungsfreiheit wieder ausgedehnt wird.

Wie sieht es mit Nahrung und Arbeit aus? Wie können die Menschen ihren Lebensunterhalt in der Pandemie sichern?

Die Lockdowns und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im ganzen Land haben die meisten Erwerbsmöglichkeiten für die Menschen, mit denen wir arbeiten, zum Erliegen gebracht – zum Beispiel staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme. Doch da wir den Fokus in den letzten Jahren konsequent auf die Landwirtschaft zur Selbstversorgung gelegt haben, kommt uns das nun zugute. Die Gemeinschaften konnten ihre grundlegende Ernährung während der Pandemie sicherstellen. Zudem haben die Partnerorganisationen in der Pandemie die Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Distrikt- und Gesundheitsverwaltungen verstärkt, um die Verteilung von Reis, Nahrungsmitteln, Masken und Medikamenten und anderen lebenswichtigen Dingen an die Gemeinschaften zu unterstützen.

Hat es in Indien schon einmal eine ähnliche Katastrophe im Bereich der öffentlichen Gesundheit gegeben?

Zwar gab es in der Vergangenheit Naturkatastrophen und Unglücke, aber eine landesweite Katastrophe in diesem Ausmass hat es in Indien seit der Unabhängigkeit noch nie gegeben.

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