Replik von Schwester Mary John Mananzan auf den Aufruf von Bischöfen weltweit für Unternehmensverantwortung

Frauen für die Sorgfaltspflicht von multinationalen Konzernen

10.10.2020
Sister Mary John Mananzan, Fastenopfer-Partnerin aus den PhilippinenSister Mary John Mananzan, Fastenopfer-Partnerin aus den Philippinen

Wie die Bischöfe unterstützen zahlreiche Frauen innerhalb der Kirche den Kampf gegen den Missbrauch durch Unternehmen und sind eine wichtige Gruppe, die sich dem Einsatz für Gerechtigkeit verschrieben hat. Schwester Mary John Mananzan, eine langährige Partnerin des Philippinen-Programms von Fastenopfer, hat als Reaktion auf die Erklärung der Bischöfe zur Sorgfaltspflicht und der weltweiten Solidarität untenstehenden Artikel verfasst.

«Als Vorsitzende der grössten philippinischen Frauenorganisation, habe ich mich während achtzehn Jahren intensiv mit unserer Gesellschaft auseinandergesetzt. Ich war Teil vieler Protestaktionen die sich aktiv für die gesellschaftspolitischen Rechte der Frauen eingesetzt haben. Dabei ist mir klar geworden, dass auf den Philippinen – wie auch in vielen anderen Entwicklungsländern – die Globalisierung die Situation in den Ländern massiv verschlechtert hat. Lokale Regierungen haben ihre Autonomie bei der Kontrolle von Importen und der Gesetzgebung von Zöllen zum Schutz ihrer lokalen Wirtschaft verloren. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vergrössert, Schäden an der Umwelt haben zugenommen und die Ausbeutung von Frauen und Kindern hat sich verschlimmert.

Ausländischen multinationalen Konzernen ist es gelungen, die Kontrolle über die Wirtschaft des Landes zu übernehmen. Ihre Unternehmenspraktiken verletzen die Rechte der Arbeitnehmenden. Es ist vielen nicht mehr erlaubt sich gewerkschaftlich zu organisieren, zu streiken oder gerechte Löhne einzufordern. Bergbau- und Holzfällerunternehmen haben indigene Gemeinschaften von ihrem angestammten Land vertrieben und künftige Generationen um die Reichtümer des Landes wie Wälder und Bodenschätze gebracht. Die Gewinne aus den abgebauten Metallen, die nicht im Land verarbeitet werden, kommen vor allem den ausländischen multinationalen Konzernen zugute und nicht mehr der einheimischen Wirtschaft.

Feminisierung der Armut

Von Armut sind Frauen die am meisten betroffen. Das führt zu einer Feminisierung der Armut. Obwohl auch Männer unter Armut leiden, ist das Ausmass der Armut bei Frauen ausgeprägter. Denn ihre Armut führt zu einer kürzeren Lebenserwartung, raubt ihnen die Gesundheit, das Recht auf Wissen und die soziale und politische Teilhabe werden ihnen vorenthalten.

Frauen als Arbeitnehmerinnen werden schlechter bezahlt, selbst wenn sie qualitativ bessere Arbeit leisten. Sie laufen Gefahr von Chefs oder Kollegen sexuell belästigt zu werden. Sie tragen eine doppelte Last, denn selbst wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen, sind sie immer auch für die Hausarbeit und die Betreuung der Kinder verantwortlich. Als Bäuerinnen werden sie insofern diskriminiert, dass sie zwar mehr als fünfzig Prozent der Arbeit verrichten, diese Arbeit aber in den Statistiken nicht aufgeführt ist. Viele von ihnen  haben keinen Zugang zu Ressourcen wie Land oder Krediten, selbst dann, wenn sie für den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte zuständig sind.

Unter den philippinischen Frauen sind die indigenen Frauen die Ärmsten und am meisten ausgebeuteten. Nur wenige haben Zugang zu Bildung. Schützt das Militär die multinationalen Bergbaukonzerne, sind sie Vergewaltigungen oder Zwangskonkubinat ausgesetzt. Die mit dem Bergbau einhergehende Landnahme vertreibt die indigenen Familien von ihrem Land, und durch militärische Aktionen werden sie in Flüchtlingslager getrieben, wo sie leichte Beute für Zuhälter und die Sexindustrie werden.

Der Platz der Frauen ist… im Kampf

Die traditionelle Annahme, dass der Platz der Frau im Haus ist, ist heute nicht mehr haltbar. Dasselbe gilt auch für den politischen Kampf: Frauen beanspruchen für sich das Recht, sich in der Gesellschaft , aktiv für Menschenrechte einzusetzen und sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung in jeder Form zur Wehr zu setzen. Seit Ende der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts organisieren sich Frauen auf den Philippinen, um Teil des Kampfes für eine umfassende Umgestaltung der Gesellschaft zu sein, Solidarität mit den Armen und Unterdrückten zu üben, die Menschenrechte zu schützen und zu verteidigen, sich für die Stärkung der Frauenrechte einzusetzen und der Umwelt Sorge zu tragen. Zahlreiche Organisationen schlossen sich in den Philippinen zudem zu einem Dachverband zusammen, die auf ihrem Höhepunkt 250 Frauenorganisationen und 50’000 Einzelmitglieder zählte.

Es gibt zahlreiche Frauen, die sich in nationalen und lokalen Organisationen für die Umwelt einsetzen. An dieser Stelle möchte ich besonders eine Frau würdigen, deren Einsatz für die Ökologie nationale Auswirkungen hat: Meine Mitschwester und Benediktinerin Aida Velasquez. Sie ist eine Pionierin der ökologischen Bewegung auf den Philippinen, die den Kampf gegen die multinationalen Bergbauunternehmen anführte, die die Flüsse in Mindoro verschmutzten. Sie startete eine landesweite Kampagne gegen genmanipulierte Lebensmittel, und war Initiantin der Bewegung für ein nuklearfreies Philippinen. Ihr ist es gelungen, den Betrieb von Kernkraftwerken bis zum heutigen Tag zu verhindern.»

Sister Mary John Mananzan, Philippines

 

Der Aufruf für Menschenrechte und Umweltschutz im Umfeld von Rohstoffaubbau und industriell betriebener Landwirtschaft, wurde bisher von 223 Bischöfen weltweit unterzeichnet. Mehr zum Inhalt des Aufrufs finden Sie hier.