Zur Heiligsprechung von Oscar Romero

Oscar Romero: Eine Leitfigur wird heilig gesprochen

14.10.2018
Bischof Alvaro Ramazzini bei einem Besuch in Bern. Bild: Colette Kalt/ Fastenopfer

Fast vierzig Jahre nach der Ermordung von Oscar Romero strahlt dessen Charisma nach wie vor in die Welt hinaus. Nun wird der einstige Erzbischof von El Salvador heute vom Papst heilig gesprochen. Für Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten ist dies aus vielen Gründen wichtig.

Mit eindrücklichen Worten beschreibt Bischof Álvaro Ramazzini, Fastenopfer-Partner in Guatemala und selbst bedroht wegen seines Einsatzes für Menschenrechte, die Kraft aus Bischof Romeros Zeugnis: „Erzbischof Romero ist ein unverkennbares Zeichen auf unserem Weg der Suche nach dem Reich Gottes, dessen Anforderungen die Kirche selbst übersteigen. In seinem Zeugnis erkennen sich Tausende von Personen wieder, die in der Welt Gutes tun, mit keiner anderen Motivation als dem Wohl der anderen, der Suche nach Gerechtigkeit, der Verteidigung der Menschenrechte und der Solidarität. Erzbischof Romero spricht heute weiter zu uns, und er ruft uns als Kirche dazu auf, uns den großen Herausforderungen zu stellen, die sich für uns innerhalb wie außerhalb der Kirche ergeben».

Und Schwester Mary John aus den Philippinen sagt: „Die Heiligsprechung von Oscar Romero ist eine grosse Bestätigung derjenigen Kirche, die sich für die Armen, Unterdrückten und an den Rand Gedrängten einsetzt – Sie waren Romeros Leben. Es ist eine klare Bestätigung der Tatsache, dass sich auch Kirchenleute für Gerechtigkeit und einen sozialen Wandel einsetzen.“

Nun wird der ehemalige Erzbischof in Rom heute heilig gesprochen.

 

Erzbischof Oscar Romero während einer Predigt in San Salvador. © COMUNDO im RomeroHaus
Obwohl sich Bischof Romero niemals parteipolitisch positioniert hat, trat er äusserst dezidiert gegen den Machtmissbrauch von Regierung und Militär sowie die ungerechte Wirtschaftspolitik in El Salvador ein. Damit war er den Eliten mehr und mehr ein Dorn im Auge.

Oscar Romero ergriff als Verfechter der Befreiungstheologie mutig und konsequent Partei für die Armen und Entrechteten seines Landes, setzte sich für Reformen ein und berichtete schonungslos über Menschenrechtsverletzungen – ein Engagement, das ihn vor 38 Jahren das Leben kostete: Am 24. März 1980 um 18.25 Uhr wurde er während der Eucharistiefeier am Altar erschossen, auf Befehl von Armeeführung und Regierung.

Selbst wusste er um die Gefahr, die ihm drohte. So sagte er einige Wochen vor seinem Tod: «Bringt uns, die wir diese Aufforderung aussprechen, nicht länger mit Gewalt zum Schweigen. Und hört auf, uns zu töten, die wir versuchen, eine gerechtere Verteilung der Macht und der Reichtümer unseres Landes zu erreichen. Ich spreche von uns, denn diese Woche erreichte mich die Nachricht, dass ich auf der Liste derer stehe, die nächste Woche eliminiert werden sollen. Aber seid gewiss, dass niemand die Stimme der Gerechtigkeit töten kann …« (Predigt vom 24.2.1980)

Heiligsprechung ist eine wichtige Ermutigung

Bereits dessen Seligsprechung vor drei Jahren war für das Volk von El Salvador, und darüber hinaus auch für die ganze Bevölkerung Lateinamerikas ein bewegendes Ereignis. Für sie war Romero schon sehr bald nach seinem gewaltsamen Tod ein „Heiliger“ und wurde auch vom Volk, von Landlosen und Obdachlosen zärtlich als «San Romero de América» (Heiliger Romero von Amerika) bezeichnet.

Die Heiligsprechung von Oscar Romero ist eine weitere wichtige Anerkennung des Menschenrechtsverfechters Romero und eine Ermutigung im weltweiten Engagement für mehr Gerechtigkeit. Für Josef Estermann, Leiter Grundlagen und Forschung von COMUNDO im RomeroHaus Luzern, hat eine Heiligsprechung Romeros weitreichende Konsequenzen, die über die Symbolgestalt von Romero hinausweisen: „Mit diesem Schritt wird eigentlich eine Rehabilitierung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie vollzogen.“

Jedoch immer noch geraten überall auf der Welt Menschen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, unter Druck. Auch Partnerorganisationen und Koordinatorinnen und Koordinatoren in den Landesprogrammen von Fastenopfer und COMUNDO bezeugen immer wieder solche Repressionen, manche laufen Gefahr, verhaftet oder umgebracht zu werden, weil sie sich den wirtschaftlichen und politischen Interessen eines Staates entgegenstellen.

Eine Stimme, die nicht zum Verstummen gebracht werden kann

Die Ausstrahlung, die Romero auf die Menschen gehabt hat, hat auch Sonja Kaufmann beeindruckt. Sie ist bei Fastenopfer CO-Leiterin des Bereichs Kommunikation und erinnert sich an einen Pilgermarsch, an dem sie 1992 anlässlich des zwölften Todestages von Romero in der Hauptstadt San Salvador teilgenommen hat. Wie heute war Bischof Romero damals in der Krypta der Kathedrale aufgebahrt, und damit diskret im Untergeschoss, fast versteckt. Und doch, so Kaufmann, seien die Menschen zu Hunderten zu ihm hinunter in die Krypta gepilgert, und jeden Sonntag hätten die Basisgemeinden an seinem Grab Gottesdienst gefeiert. „Je mehr man Oscar Romeros Vermächtnis stillschweigen wollte, umso stärker wurde seine Ausstrahlung in der Bevölkerung. Er wurde ermordet, weil er sich für die Rechte der Menschen einsetzte – und lebt deshalb auch heute noch in ihrer Erinnerung und in ihrem Kampf weiter.“

Befreiungstheologie:

Mehr als eine Theologie ist diese in Lateinamerika entstandene Glaubensform eine Bewegung von unten, um die christliche Frohbotschaft im Kontext von Armut, Unterdrückung und Marginalisierung gesellschaftspolitisch und befreiend zu lesen und sich davon für ein engagiertes Handeln zugunsten einer Welt inspirieren zu lassen, in der alle Platz haben, auch die Natur.