Kolumbien in Zeiten der Pandemien

22.05.2020
Die Fastenopferpartnerorganisation Plataforma in Huila sammelt Lebensmittel für bedürftige Familien.Die Fastenopferpartnerorganisation Plataforma in Huila sammelt Lebensmittel für bedürftige Familien.

Rote Fetzen – T-Shirts und Stoffstücke – hängen vor den Häusern vieler verzweifelter Familien, die hungern. Andere Familien hängen weisse Tücher heraus, um zu protestieren, dass es keine Gesundheitsversorgung gibt. Und weiterhin werden jeden Tag politischen Führungspersonen getötet. Elsy Marulanda, Koordinatorin des Fastenopferprogramms in Kolumbien, und Alicia Medina, Programmverantwortliche in Luzern, haben die Situation zusammengefasst.

Das Coronavirus lähmt auch Kolumbien. Die Quarantänemassnahmen, die von der Regierung gegen die Ausbreitung des Virus diktiert wurden, haben drastische Folgen in einer so fragilen Gesellschaft, in der 6 von 10 Personen mit informeller Arbeit überleben. Ohne das tägliche oder wöchentliche Einkommen gibt es keine Nahrung. Die Menschen haben mehr Angst vor Hunger als vor dem Virus. Die Verzweiflung nimmt zu.

Zu Hause zu bleiben, ist für viele Familien eine unverständliche Massnahme, da sie in überfüllten Vierteln leben. Dort kann man keinen Meter Abstand einhalten. Der ideale Nährboden für Epidemien – aber auch für Missbrauch und Gewalt gegen Frauen. Während der Ausgangssperre haben die Hilferufe wegen Gewalt um fast 80 Prozent zugenommen. Dies ist eine weitere Epidemie, für die es keine wirksamen Massnahmen gibt und kaum Prävention.

Prekäre Gesundheits- und Lebensmittelversorgung

In einigen Regionen gibt es andere Krankheiten, welche die Bevölkerung plagen, zum Beispiel das Denguefieber im Projektgebiet Caquetá. Das Gesundheitssystem, insbesondere in den ländlichen Regionen, kann weder auf die Pandemie noch auf die anderen Krankheiten reagieren. Medizinisches Personal tritt zurück, weil selbst minimale Standards, um sich selbst zu schützen, nicht vorhanden sind – aber auch, weil es sein Gehalt nicht erhält.

Die Massnahmen der Regierung sind unzureichend. Es profitieren die Banken und die grossen Unternehmen. Die Hilfe für den Agrarsektor geht an agro-industrielle Betriebe, nur ein minimaler Anteil geht an die Kleinbauernfamilien, die am bedürftigsten sind. Der Import von Millionen Tonnen Sorghum, Mais und Soja wird verordnet, die Lebensmittelpreise werden erhöht. Gleichzeitig werden den Bauern und Bäuerinnen ihre Produktion nicht abgekauft.

Regierung und Wirtschaftsvertreter missachten Menschenrechte  

Korruption und Politik schaffen sich neue Freiräume. Während des Ausnahmezustands hat die Regierung zahlreiche Dekrete verabschiedet, ohne dass die Zivilgesellschaft sie kontrollieren konnte. So wurden zum Beispiel Umweltlizenzen für Rohstoffabbau-Projekte beschleunigt abgegeben. Damit wurde das Recht auf Mitsprache der betroffenen Bevölkerung grob verletzt.

Da die Bevölkerung aktuell wegen der Ausgangssperre nicht protestieren kann, nutzt die Regierung auch die Möglichkeit, Massnahmen wie das Versprühen von Glyphosat aus der Luft wieder einzuführen. Bei Wind weht es auch immer wieder giftige Unkrautvertilger auf die angrenzenden Felder der Kleinbäuerinnen und Bauern, die agrarökologische Landwirtschaft betreiben. Damit ist nicht nur die Lebensmittelproduktion der betroffenen Familien in Gefahr, sie verlieren auch ihr Einkommen, weil sie ihre Produkte nicht als biologisch verkaufen können.

Ermordung von Führungspersönlichkeiten geht weiter

Es grassiert zudem eine weitere Pandemie, die von der Weltöffentlichkeit wenig beachtet wird und gegen die die Regierung keine wirksamen Massnahmen trifft: Die Ermordung politisch und gesellschaftlich engagierter Führungskräfte. Männer und Frauen, die ihre Stimme erheben, um ihre Rechte und die Rechte aller Kolumbianer/innen zu verteidigen. Aktivist/innen, welche das Leben und die Natur schützen wollen. Menschen, die nicht die vom Staat verordneten wirtschaftlichen Interessen verfolgen.

Indepaz, das Institut für Studien über Entwicklung und Frieden, berichtet, dass zwischen dem 1. Januar und dem 5. Mai dieses Jahres in Kolumbien mindestens 95 Personen ermordet wurden. Und die Medien meldeten, dass trotz der Ausgangssperre seit dem 23. März 19 Personen umkamen. Am meisten betroffen ist das Departement Cauca, in dem die Fastenopfer-Partnerorganisationen Atucsara, Censat und Semillas de Agua arbeiten.

Die Corona-Krise hat in Kolumbien die bestehenden Probleme wieder in aller Deutlichkeit offengelegt. Die Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung, die bereits vor der Pandemie unter massiven Menschenrechtsverletzungen litt, wird weiterhin mit desolaten Aussichten konfrontiert.

Bis zum 18. Mai 2020 wurden in Kolumbien 15’574  Ansteckungen bestätigt und es gab bisher 574 Todesfälle – die Kurve scheint sich nun abzuflachen.

 

Fastenopfer plant, seine Partnerorganisationen in den 14 Ländern weiter im gleichen Umfang unterstützen, damit sie nicht gezwungen sind, Mitarbeitende zu entlassen und sie ihre Arbeit den Umständen anpassen können. Hier finden Sie mehr zum Kolumbienprogramm von Fastenopfer.

Um diese Arbeit halten und weiterführen zu können, sind wir froh um jede Spende. 

 

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Janneth Lozano von der Partnerorganisation CodacopJanneth Lozano von der Partnerorganisation Codacop

Ausschnitt aus einem Mail von Janneth Lozano B, Direktorin der Partnerorganisation Codacop

«Eine herzliche und solidarische Umarmung für unsere Verbündeten, mit denen wir uns für eine bessere Welt – mit Gerechtigkeit und Gleichheit für alle – einsetzen.»

(…)

«Wir nutzen die Zeit, um mit aufgeschobenen Aufgaben voranzukommen, wir treffen uns virtuell und haben Arbeitspläne entwickelt, wir fördern Prävention und Kampagnen für Gewaltfreiheit, wir unterstützen Solidaritätsaktionen und wir kümmern uns um das Wohl unseres engeren Kreises. 

Aber wir machen uns noch immer Sorgen darüber, welche Auswirkungen dies auf die von uns begleiteten Prozesse, die Projekte und die Zusammenarbeit haben wird. Wir gehen davon aus, dass nichts mehr so sein wird wie vorher, wenn dieser Alptraum vorbei ist; wir bereiten uns darauf vor, gemeinsam über Alternativen und Wege nachzudenken und zusammenzuarbeiten…

Wir verfolgen aufmerksam die Nachrichten aus aller Welt und schliessen uns den Gebeten an, dass diese Nacht zu Ende geht und die Sonne für alle Menschen wieder scheinen wird.»